Helmsorgen

Nun liegt meine Fahrprüfung noch nicht mal zwei Wochen hinter mir und ich plage mich schon mit meinen Ansprüchen herum. Fast täglich fahre ich mit dem Möp zur Arbyte – sogar zum Erstaunen anderer ansonsten krad-begeisterter Kollegen. Okay, es ist heiß und unbequem unter der schwarzen Kutte. Aber es macht einfach Laune, den Hof des Arbytegebers mit einem fröhlichen Dreh am rechten Griff zu verlassen, als sich eine Viertelstunde auf den Weg zur nächsten Schnittstelle des öffentlich Personennahverkehrs zu begeben. Mittlerweile habe ich zwei Tankfüllungen („Einmal Volltanken bitte. Das macht dann 12€.“) hinter mir und genieße es richtig, nach Feierabend mal umweltschändend und freiheitsliebend durch Städte und Länder ziellos vor mich hinzutuckern. Und selbst bei gut 100 auf der Landstraße komme ich sanftmütig und entspannt wieder auf meinem Parkplatz an.

So machte ich mir dann auch ein wenig Gedanken um meine eigene Sicherheit. Die brutal leuchtende Schärpe gehörte mittlerweile zum ständigen Begleiter. Aber um meine Kopfbedeckung war mir nie so ganz wohl. Okay, sie war richtig praktisch. Klapphelm (super für Brillenträger) mit eingebautem Sonnenschutz. Aber irgendwie saß er irgendwie recht lose auf der Gedächtnishalle (so muss sich Lord Helmchen gefühlt haben). Und ein nicht beschlagfreies Visier ist auch eine Erfahrung – die man allerdings nicht machen muss. An jeder Ampel schnell das Visier hochklappen, damit der Bildschirmschoner nicht angeht. Es ist einfach nicht optimal, durch akustische Hinweise des nachfolgenden Verkehrsteilnehmers auf eine grüne Lichtzeichenanlage hingewiesen zu werden. Und schon auf der Landstraße bei Tempo 100 hatte ich nach einer Stunde einen Tinnitus wie nach eine ausgiebigen Disco-Nacht. Spätestens nach dem Hinweis meines weiblichen Gewissens musste ich mir also eingestehen, dass mein Hirn (und meine Öhrchen) wichtig genug ist, auch mal über das Budget zu gehen, um entsprechende Sicherheit zu erkaufen. Wie stand es so schön in einem Forum: „Wieviel ist dein Kopf wert?“ Die 120€ für den Probiker-Helm waren zwar okay, aber schon in der Fahrschulzeit war ich nicht immer begeistert.

Also fühlte ich mich als fortgeschrittener Anfänger und war auf zu Tante Louise und mich beraten lassen. Die Verkäufer unterscheiden sich in ihrer Beratungsqualität deutlich, aber ich bin das Risiko eingegangen, mich von einer freundlichen VerkäuferIn bezüglich Hirnschutz unterweisen zu lassen. Das führte nach recht kurzer Zeit zu einem „ähm, kleinen Moment, da muss ich mal eben meine, äh, bin gleich wieder da„.  Ein Kollege sprudelte dann seine Empfehlungen raus wie Wikipedia persönlich. Im Endeffekt hatte ich also einen Shoei-Helm auf – die Integralversion. Also fummelig für Brillenträger. Kein Sonnenschutz. Dafür aber ein schicker Doppel-D-Verschluss (der tatsächlich gehalten hätte und praktischer war, als ich vermutet hatte). Nach minutenlangem Gefummel, die Brille zwischen Banküberfallmütze… äh… Sturmhaube und Visieröffnung ins Gesicht zu manövrieren, könnte ich also endlich los. Der mangelnde Sonnenschutz erwies sich als hilflos blinzelndes Erlebnis. Die Geräuschentwicklung war kaum anders als in meinem alten Billighelm. Und das Ding saß so bombenfest, dass ich auf dem Weg zur Klaustrophobie war. Irgendwie war es das nicht. Netterweise durfte ich den Helm probefahren und konnte ihn am nächsten Tag gleich wieder zurückbringen.

Dass es anders geht, musste ich heute feststellen. Der bei der Ersteinkleidung unerreichbar teure Schuberth C2-Helm ist jetzt als Restposten um die Hälfte reduziert. Der war nicht teurer als der Shoei, aber es war ein Unterschied wie Tag und Nacht. Das Ding drückte nicht, saß aber trotzdem fest. Und durch den gut schließenden Kragen auf der Unterseite war das Teil so flüsterleise, dass ich einen Kurs im Lippenlesen gebraucht hätte, um weitere Kommentare des freundlichen Verkäufers zu verstehen. Was mich noch etwas beängstigt, ist die durchgängig schlechte Meinung vom Visier. Die Antibeschlagschicht hat sich bei einigen Konsumenten sogar schon nach einer Woche subtrahiert. Ein Pinlock-Visier wäre da schon klasse gewesen. Mittlerweile gibt es im Internet ein „Zweischeiben-Visier“. Ist damit Pinlock gemeint? Und warum kostet das gute Stück Plastik stolze 70€? Schon etwas frech. Ich mache mir da nicht allzuviel Hoffnung, dass vom Antinebel bald noch irgendwas übrig ist und mache mich gedanklich schon mal monatlich auf den Weg zum Händler meines Vertrauens. Vielleicht können die mir alle zwei Wochen einfach ein neues Visier zuschicken, dann spare ich mir den Weg. 🙂 Die erste Probefahrt war jedenfalls super. Ich könnte mit Leichtigkeit in dem Teil telefonieren oder vor mich hinsingen  („ich bin ein Gänseblümchen im Sonnenschein„). Selbst bei 160 auf der Autobahn herrschte eine urlaubsgleiche Ruhe im Helm. Allerdings ist das eine Geschwindkeit, die bei meinem Nacktrad schon stark an den Nerven zerrt und mich ständig hat nachdenken lassen, ob ich bei der Montage der Felge wirklich alle Schrauben sauber festgezogen habe. Der Helm ist also super. Und bis darauf, dass mein Kinn recht wenig Platz nach vorne hat, sind das endlich mal gut angelegte 300€. Darin fühlt man sich wirklich wie in der Dose.

5 thoughts on “Helmsorgen

  1. gottie29

    Mal wieder ein sehr schöner Artikel und lustig zu lesen. Danke für den Shoei-Schuberth-Vergleich. Werde das bei meiner Louise zur nächsten Saison auch ausprobieren. Mein Caberg ist für den Anfang zwar auch gut, aber ich habe bei den Billighelmen ähnliche Erfahrungen.

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  2. Christoph Haas

    Mein Ex-Fahrlehrer Jens sagte mal: „Wer sich einen Helm für 100€ kauft, der meint es nicht ernst.“ Ich finde die Anschaffung kompletter Motorradklamotten zwar insgesamt happig teuer. Aber man will ja auch später nicht im Krankenhaus sagen: „Hätte ich bloß 200€ mehr ausgegeben.“

    So, den nächsten Schauer noch abwarten und dann ab auf die Piste. 🙂

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  3. gottie

    Da hast Du wohl recht, aber ich war einfach nicht bereit 300€ für einen Helm auszugeben, wo ich einfach nicht sagen konnte ob dieser noch ne Saison rumliegt oder *eitelkeit an* er gar nicht zu meinem KRad passt *eitelkeit aus*
    Aber nächste Saison ist ein neuer fällig. Und den C2 oder C3 schaue ich mir auf alle Fälle an.

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  4. Alexander

    Sehr netter Artikel! 🙂 Pinlock Visiere sind einfach nur doppelwandige Visiere. Pinlock klingt einfach nur unglaublich nach Hightech, dafür kann man gleich mal 30€ mehr nehmen. 😉

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  5. Christoph Haas

    @Alexander: Danke für den Tipp. Pinlock ist dann wohl der Hersteller derselben Visiere, der das steinalte Thermopen für Kradpiloten als Geldgenerator „neu“ erfunden hat. Der Preis ärgert mich schon. Toi toi toi, dass mein Visier noch hält.

    Dein Blog macht auch Spaß. Muss ich gleich mal zurückverlinkisieren. 🙂

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